Flutzeit

Der junge Mann trat in der Galerie ein, grüßte den älteren Herr der gerade ein Gemälde prüfend betrachte und fragte ob er ein bisschen Zeit für ihn hätte weil er ihm ein paar Bilder zeigen wollte. Aber er wartete nicht bis Herr K. eine Antwort gab. Er machte seine große Mappe auf und fing an zu sagen, dass er Mitglied einer Gruppe von jungen Künstlern aus Europa ist, dass sie Ateliers und/oder Wohnungen tauschen und dass, für ein paar Monate, sie versuchen in einer anderen Umgebung zu leben, andere Leute kennen zu lernen. Er kommt aus Ungarn und…

Sehr nett von dir, sagte K. und hängte das Gemälde auf der Wand zurück, aber mich interessieren nur Bilder von gestorbenen Malern.

Wieso dass?

Weißt du, sie sind die einzigen die keine Fehler mehr machen können, die das Wert ihren Arbeit nicht mehr beeinflussen können.

Ah, so meinen Sie…

Ja, so…

Eine sehr kurze Pause folgte. Herr K. dachte: Also gut, das war’s! Er wird jetzt sein Zeug packen und weg gehen. Und er könnte dann ruhig weiter tun was er vorhätte.    

Najah, wissen Sie, fing der Junge wieder an, vor einem Monat ein Freund von mir starb in einem Autounfall. Ich hab zufällig jetzt bei mir ein paar von seinen Bildern. Wollen Sie sie sehen? Die sind gut und er ist wirklich tot. Der war ein guter Man…

Her K. lachte.

Es ist aber nichts zum lachen. Es ist wirklich so passiert. Er hatte eine Vespa und es war Nacht, in einem Dorf…

Her K. zündete eine Zigarette, ging zu seinem Stuhl und unterbrach ihn: Du bist lustig! Komm, zeig mir was du hast!

Der Junge lächelte auch und ging zu ihm.

Die da hab ich gemacht um mich zu testen. Kopien. Eine nach Van Gogh, eine nach Santoro. Einen David hab ich auch versucht zu malen, aber ich könnte einfach nicht mehr weiter tun, wie Sie auch sehen können.

Zu… revolutionär?

Nein, eigentlich nicht. Zu abscheulich… Marat und so… Zu viel… Zu gering… Auf einmal, irgendwie…

Her K. schaute ihn an als er die Bilder wechselte. Wer bist du denn?, dachte er sich.

Was ist das? Ist es Pappe?

Nein, Leinwand. Aber auf Pappe gestreckt. Und die da sind so, mehr oder weniger wie Dialoge, eine Art Diskussion mit den Farben von anderen. Das ist ein Ort in Spanien wo ich für eine Zeit gewohnt habe. Die Künstlergruppe… So bin ich dort gekommen. Da hab ich versucht so wie Matisse zu sehen, wenn er ein bisschen mehr draußen, in Freien, gewesen wäre. Dieses Ort war perfekt dafür. Denke ich zumindest… Und dann, manchmal wird es auch zu einem… Trialog, wenn ich es so artikulieren könnte.  Wie dieses Bild da: was passiert wenn Turner und Hokusai sich getroffen hätten?

Her K. schaute das Bild an und wusste jetzt nicht mehr was er zuerst gefragt hätte: wer zum Teufel bist du denn? Oder: Was hast du denn geraucht wann du das gemalt hast?

Turner malte ein Bild von Hannibal bei der Überquerung den Alpen. Hannibal selbst ist eine unbedeutende Figur auf einem Elefant im Hintergrund, klein und unwahrscheinlich. Über ihm und seine demoralisierte Armee steigt eine bedrohliche schwarze Wolke wie einen gigantischen Raubvogel.

Anderseits, Hokusai machte viele Holzschnitte. Serien davon über dem Fuji Berg. “Die große Welle vor Kanagawa” zeigt ein verkleinerte Fuji Berg im Hintergrund, und zwei  Fischerboote die von riesigen Wellen fast zerbrochen sind. Aber nur fast… Und dieser Typ vor ihm wollte auch dabei sein, dachte Herr K.,  in der Mitte von dieser Begegnung zwischen Gewalt und Macht. Wie denn? Was hat er zu sagen? Wozu braucht er diese unglaubliche Kraft?

Was ist denn das?, sagte er, und zeigte auf dem Bild. Was ist das in der Mitte?

Das ist… Das ist meiner Mutter, antwortete der junge Man. Eine traurige Liebesgeschichte. Und das hinter ihr ist unser Gasthaus in der nähe von Tokaj, in Ungarn…  Es ist wunderschön dort. Ich bin dort geboren und habe dort meine Kindheit verbracht. Waren sie schon mal in Tokaj?

Herr K. zögerte ein paar Sekunden mit seiner Antwort. Dieses Haus… Diese Geste die die Frau auf dem Bild machte war irgendwie ergreifend, als ob sie weg von etwas wollte. Aber nicht ganz. Als ob jede Entscheidung die sie treffen würde, die falsche wäre. Ist Liebe immer so? Und dieses Haus…

Ja. Vielleicht. Ich war überall auf der Welt. Vielleicht auch dort. Oder vielleicht auch nicht…. Ich weiß es nicht mehr!

 

Der junge Man zeigte ihm noch ein paar Bilder aber spürte das Herr K. verlor irgendwie seine Interesse.

Schau mal, ich muss jetzt etwas Wichtiges erledigen. Es war sehr nett deine Bilder zu sehen und mit dir zu reden. Ich wünsche dir viel Erfolg in deinem Leben als Künstler und als Man. Und, um dir zu zeigen dass ich es wirklich meine, ich werde ein Bild von dir kaufen. Warum hat er das gerade gesagt? Das wollte er überhaupt nicht.

Wirklich?

Ja! Bekräftigte er das Gegenteil seiner Meinung.

Welches denn?

Hmm…. Lass mich noch mal schauen. Er fing zu blättern an und tat so als ob er unentschlossen war. Eine Minute später sagte er: Dieses hier – der… wie hast du das gesagt? Der Trialog… Das Haus in Tokaj… Die Geschichte…

Das verkaufe ich aber ungern. Ich mag es sehr und es bedeutet sehr viel für mich.

Dann warum zeigst du es mir?

Najah… Um zu sehen was ich male… um eine Idee zu bekommen…

 

Nachdem der Junge weg ging, Herr K. machte die Tür seiner Galerie zu, nahm das Gemälde und ging nach hinten. Dort, zwischen Bücher, Kataloge und ein paar Regenschirme, schaute er es noch mal an. Der war überzeuget dass das nicht das erste Mal dass er so was sah. Er nahm ein Buch aus dem Regal und fing es zu blättern an. Dann, ein anderes Buch… Und ein anderes… Er wurde leicht nervös. Warum all das? Warum die Mühe? Was will er wissen? Was könnte er beweisen? Zu wem? Der Junge ist ein guter Maler. Hat er das kopiert? Möglicherweise. Und? Wer hat es nicht? Wer ist hundertprozentig authentisch? Dieses Wort sollte man aus dem Wörterbuch wegschließen, dachte er und schlug das Buch in seine Hände zu und wollte sie zurückgeben. Und dann sah er es. Das ist das wonach er suchte. Ein altes sepia Photo. Ein Foto von einer Frau mitten in einem Garten, mit Obstbäumen herum und ein kleines Haus im Hintergrund. Mit der Zeit, die Bäume verloren ihren Konturen und jetzt schauten sie aus als ob sie die Frau umwickeln wollten, wie eine riesige Welle.

Der war Jung als er dieses Foto machte. Seiner Mutter war noch glücklich und lebhaft. Es gab keine Spur von dem was nachher kam. Oder vielleicht doch? Diese Geste, dieses Gesicht… Als ob sie schon zwischen zwei Welten balancieren müsste. Und die Obstbäume… die Obstbäume die sie irgendwie umarmten um sie zu schützen oder auch um sie in diesen Nichts zurück zu bringen. Tot und Liebe. Es gibt nichts anders zwischen denen oder?, dachte sich Herr K.. Man kann nicht zwischen die zwei balancieren. Und wann sie kommen, sie sind so gewaltig dass man danach nicht mehr dasselbe sein kann. Eine Flut von Gefühlen.

Her K. nahm das Gemälde das er gerade gekauft hat und mit einer Schere fing er es zu schneiden an. Am Anfang war er sehr langsam und vorsichtig. Er wusste nicht ob er das wirklich machen wollte. Aber dann, mit jeder vergangene Sekunde es schien ihm die einzige sinnvolle Lösung zu sein. Schnitt für Schnitt, er befreite die Frau in der Mitte von ihrer bedrohlichen Umgebung die, wie ein dunkler Wirbel, sie tiefer hinein ziehen wollte.

Er setzte sich auf seinem Tisch und schaute die Leinwand Teilchen an.  Das ist seine Welt: Gestorbene Bilder… Gestorbene Maler…  Gestorbene Gefühle… Geister… 

 

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